Dienstag, 12. März 2013

Begegnungen

So, nachdem abgewaschen und der Flur geputzt ist und während ich im Hintergrund mein Betriebssystem update, noch eine Ladung Wäsche in die Maschine geworfen habe, in der Küche der Kühlschrank abtaut und ich im Hinterkopf ein Programm für das erste Frühlingskonzert meines Chores bastle (ja, ich muß es ausnutzen, daß ich heute erst zum Abend weg muß), möchte ich hier derweil ein paar Worte zu Begegnungen verlieren, die ich in letzter Zeit mit sehr interessanten Menschen hatte.

Ich habe im Februar manuelle Therapie bekommen, die üblichen 6 Einheiten auf Rezept. Ich konnte meinen linken kleinen Finger manchmal nicht mehr spüren, schon monatelang, und wenn man die Finger zum Arbeiten braucht, ist das doof. Außerdem hatte ich immer so schlimm Verspannungen, daß mir das regelmäßig unerträgliche Kopfschmerzen einbrachte.

Ich kam mit dem Therapeuten ins Gespräch und er stellte sich als begeisterter Musicalbesucher heraus. Da er noch nie in einer Oper gewesen war, besorgte ich ihm und seiner Frau 2 Karten für das Musical, das unser Haus gerade im Programm hat. Dafür war er mir so dankbar, daß er mir gleich noch 2 Massageeinheiten geschenkt hat, von denen ich bereits heute eine in Anspruch nehmen durfte - die andere kommt Freitag. Ist das nicht total nett? War auch sehr nötig, denn am Sonntag war ich vor der Arbeit noch mit einer Freundin auf der itb in Berlin - das hat mir bald die Schulter gebrochen. Der Irlandstand hatte einfach so viel gutes Infomaterial. ;-) Aber das über die Bahnhöfe zu schleppen war wenig lustig.

Und heute nach der Massage mußte ich noch schnell einiges einkaufen. Statt einen Supermarkt zu nehmen, der auf dem Weg liegt, habe ich mich für einen etwas entfernteren entschieden, bei dem ich sicher weiß, daß es den leckeren Sojapudding gibt, den ich so mag. Und prompt begegnete mir dort jemand, den ich auch sehr selten treffe: Die alte Pfarrersfrau, deren Mann mich mit 14 getauft und konfirmiert hat. Kurz darauf (mit immer noch 14) bin ich hier weggezogen und habe angefangen, viel Musik zu machen und die beiden sind irgendwie Fans von mir geworden.

Vor einigen Wochen schrieben sie meinen Eltern eine Karte, auf der sie ganz zum Schluß sagten: "Und grüßen Sie ihre Tochter. Sie wird mit ihrer Musik die Herzen der Menschen erreichen und öffnen. Das ist es, was sie bei aller Zurückhaltung wirklich zur Perfektion beherrscht." Als mein Papa mir das zu Lesen gab, fiel mir alles aus dem Gesicht. Ich begegne diesen Menschen vielleicht ein-, zweimal im Jahr - mal im Weihnachtsgottesdienst oder wie heute zufällig beim Einkaufen. Aber diese Frau hat schon immer so ein unheimliches Gespür dafür gehabt, wer ich wirklich bin, und so einen rückhaltlosen festen Glauben daran, daß ich dieser "wer" auch tatsächlich werde, wie kaum jemand selbst in meiner Familie.

Heute war es ebenso. Erst stellte sie fest, daß ich schmal geworden sei. Nun ja, ein bißchen ist das so. Wir plauderten kurz und sie fragte mich, ob denn privat jetzt bei mir alles geregelt sei. Ich bestätigte das (ich bin ja seit wenigen Wochen geschieden, seit einigen Tagen rechtsgültig) und sie lächelte breit und meinte, ich hätte zwar als sehr junger Mensch Schlimmes erlebt, aber für mich würde der Tag noch kommen, an dem ich meinen richtigen Platz finde und endlich mit meiner Musik das tun könne, wovon ich träume. Ich sei ja immer nur gebremst worden, aber das würde sich alles noch auflösen, davon sei sie überzeugt.

"Gottes Segen", wünschte sie mir zum Abschied, und dann: "Und gehen Sie immer mit festen Schritten! Sie sind jemand! Daran müssen Sie nicht zweifeln und das müssen Sie nicht verstecken!"

Also sowas haut mich einfach um. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob diese spezielle Frau eine Funktion in meinem Leben hat. Ich weiß, das klingt irgendwie abgefahren, aber sie begegnet mir immer, wenn ich es wirklich nötig habe, jemanden zu treffen, der einfach nur an mich glaubt. Der muß mir gar nicht helfen oder so - ich schaffe meine Sachen schon. Aber nichts bringt mich so sehr ins Straucheln wie eine dauernd zweifelnde Umgebung, oder eine, die schlicht nicht interessiert, wofür ich lebe und was ich liebe.

Ja, und dann war da noch die Sonntagnacht, wo ich zu einem hochexklusiven Umtrunk im wunderschönen Foyer von Job 1 eingeladen war, um die soundsovielte Vorstellung des oben erwähnten Musicals zu feiern. Ich war die einzige aus meiner Abteilung, die eine Einladung erhalten hat (weil ich einen künstlerischen, keinen technischen Arbeitsvertrag habe und alle Künstler eingeladen waren), was dazu führte, daß ich kein Schwein kannte. Oder genauer gesagt: Ich kannte fast jeden, denn ich sehe sie jeden Abend auf der Bühne stehen von meinem Kämmerchen aus, wo ich dank meiner musikalischen Fähigkeiten die technischen Abteilungen herumkommandiere. Aber keiner kennt mich.

Deshalb, und weil ich das in 4 Jahren Arbeit an dem Haus noch nie gewagt habe, habe ich sehr lange überlegt, ob ich da überhaupt hingehen soll. Ich bin niemand, der einfach fremde Leute anspricht. Ich bin nicht schüchtern, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die ich kenne und denen ich vertraue, aber in Mengen von Fremden fühle ich mich stets total unwohl und stehe meistens doof in einer Ecke. Und genau das habe ich auch Sonntag getan, nachdem ich mich durchgerungen hatte, mein Gesicht mal auf der VIP-Party sehen zu lassen. Zur Feier des Tages hatte ich mir sogar einen Rock angezogen und - man höre und staune - Lippenstift angelegt. Ja, ehrlich.

Ich ging hinauf und bekam sofort von einer freundlichen Mitarbeiterin der Bar ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Der Leiter der Technik nickte mir zu - für uns beide schon ein kommunikativer Exzess. Kurz darauf sauste die Inspizientin des Stückes heran (eine der 3 von 200 anwesenden Personen, die mich kannten), legte direkt vor mir eine Vollbremsung ein und strahlte mich an mit den Worten: "Ich will Dir schon seit Tagen sagen, daß diese Frisur total süß aussieht, wirklich super!" und wusch war sie auch schon wieder weg. Da habe ich mich aber echt gefreut. =D

Dann hielt der Intendant eine Ansprache / Lobeshymne und danach wurde der dezente Hintergrundjazz so laut gedreht, daß niemand sich zu tiefgründigen Unterhaltungen gezwungen sehen mußte, sondern man auch mit oberflächlichem Lächeln durch den Abend kommen könnte. Sektgläser klirrten, Sänger lachten, Schnittchen wurden vertilgt. Ich stand an meiner Säule, erinnerte mich selbst zweimal pro Minute daran, daß ich den Thorax heben sollte, damit niemand die neonfarbene Laufschrift "Mauerblümchen" über meinem Kopf bemerkt, und schließlich faßte ich mir ein Herz (und ein zweites Glas Sekt) und startete die Eigentherapie.

Ich ging einmal langsam schlendernd durch den gesamten Saal. Huh, war das aufregend. Ich lächelte eine gefühlte Million fremder Superstars an und verließ den Raum auf der gegenüberliegenden Seite. Um den Blutdruck zu senken, ging ich dann zwei Minuten durch den völlig verlassenen Flur - und dann drehte ich um und ging zurück, wieder quer durch den Saal. Und in diesem Moment erschien ein Tänzer, den ich vor Kurzem in meinem Arbeitskämmerlein in meinen Job eingearbeitet habe, der aber in diesem Musical auf der Bühne zu den Showtänzern gehört, und begrüßte mich herzlich. Nach der obligatorischen, flüchtigen "Laß-Dich-umarmen"-Umarmung, 30 Sekunden Smalltalk und nachdem ich ihm wie aufgetragen liebe Grüße von einem weiteren, nicht geladenen Kollegen ausgerichtet hatte, driftete seine Aufmerksamkeit natürlich zu den Tanzfreunden und ich kippte meinen restlichen Sekt hinunter und verließ die Veranstaltung.

Aber hey - ich bin seeeehr stolz auf mich. Ich habe nicht ein einziges Mal die Arme verschränkt (wie auch mit dem Glas) oder mit rotem Kopf zu Boden gestarrt. Ich habe jeden, wirklich jeden, angelächelt, als müsse er oder sie mich kennen. Ich habe Selbstbewusstsein trainiert und gewonnen. =D

Komisch. Wenn ich Musik mache, bin ich so anders…




Kommentare:

Ashmodiel hat gesagt…

Die Kommentarfunktion dieses Templates mag mich irgendwie nicht...
Zickt immer erstmal rum, bevor ich sie nach mehrfachem neuladen öffnen kann. :-/
*hau*
Ich bin stolz auf Dich. Ich weiß, wie sich das anfühlt und wäre denke ich im Leben nicht alleine da hingegangen. Es sei denn, ich wüsste, dass dort nette Kollegen sind.
"Afresse" klingt irgendwie kölsch.

athena hat gesagt…

Und ich bin ebenfalls wahnsinnig stolz auf Dich!!! ♥ ♥ ♥
Ich hätt´s mich nämlich auch nicht getraut ;)
Und... irgendwie hab ich ein wenig schlechtes Gewissen... Ich schimpfe mich Deine Freundin... Aber mangels musikalischer Begeisterung im Allgemeinen (seit je her) und Knowhow rede / schreibe ich mit Dir fast nie über Musik - ich wüßte auch gar nicht was ich sagen soll. Das tut mir irgendwie total leid. Es ist nicht dass Du mich nicht interessierst, oder was Du machst. Aber Du musst mir mehr von alleine darüber berichten und... zaghaft (also auf Deutsch: für Blöde :D )!

Hummel hat gesagt…

@ Ash: Afresse klingt wie etwas Kölsches, das Du der Kommentarfunktion gerne sagen würdest. ^^

Danke Euch beiden für's Stolzsein! Ich hab das ja letztlich (nach viiiidl innerer Überwindungsarbeit) aus Gründen der Selbsterziehung gemacht. Ich will aus meiner Ecke raus, und das ist verdammt schwer.

@Athena: Wo kommt das denn jetzt plötzlich her? Meinst Du, ich schicke Dich in die Wüste, weil Musik nicht so Deins ist? Das wäre eine armselige Freundschaft, hmm? Ich erzähle Dir gerne mehr von Musik, aber nötig haben wir das nicht. ;-)

athena hat gesagt…

♥ ♥ ♥

Silberweide hat gesagt…

Wenn auch auf komplett anderem Gebiet bzw. Anlass, kann ich doch nachempfinden, dieses Gefühl von Stolz.....es fühlt sich soooo gut an.

Glückwunsch zu diesem mutigen Schritt für Dein neues Selbstbewusstsein.

Liebe Grüße
Silberweide

Freia hat gesagt…

ich hab mich gerade so mit dir gefreut und am ende auch mitgefiebert. *lacht* du hast dich wunderbar geschlagen. weiter so! :)
danke auch fürs teil-haben-lassen.

Hummel hat gesagt…

Vielen, vielen Dank auch Euch beiden! =) Es ist noch ein langer Weg, aber immerhin, ein Schrittchen ist getan. ;-)