Donnerstag, 17. April 2014

Nachtgedanken

Nachtgedanken sind die, die erst dann in mir auftauchen, wenn alles andere gegangen ist. Wenn niemand, mich selbst eingeschlossen, etwas von mir verlangt, außer genau jetzt genau hier zu sein und genau das zu tun, was immer ich gerade tue. Zum Beispiel ohne jede Eile einem strahlend hellen, fast noch vollen Mond über die Autobahn nach Hause zu folgen.


Taggedanken sind hetzerische, ketzerische, selbstmitleidige, verzweifelte, ausweglose, mich geißelnde von der Sorte "Du mußt um jeden Preis durchhalten, sonst kannst Du im Sommer Deine Miete nicht zahlen" und "egal wie sehr Du übst, aus Dir wird nie genau das, was Du Dir wünscht". Taggedanken jagen mich, legen zahllose Schlingen um mich und ziehen wahllos mal diese, mal jene, mal alle fest zu. Taggedanken entkomme ich nur mit Wut und einem festen "Nein jetzt nicht" für eine kurze Zeit.

Nachtgedanken aber warten ab. Nachtgedanken sind höflich, still und scheu; sie verschwinden sofort, wenn ein Taggedanke mitten in der Nacht Besitz von meinem Kopf ergreift. Erst wenn ich vergesse, meine ganzen Sorgen und Was-Wäre-Wenns zu jonglieren, stehen sie plötzlich da und fragen etwas wie "Machst Du Dich glücklich?". Nachtgedanken sagen mir die mit Abstand wichtigsten Dinge. Aus Nachtgedanken werden Lieder. Und sie sind so vielfältig, bunt und chaotisch wie meine Persönlichkeit. Manche groß, manche klein, doch alle irgendwie sehr nah an mir dran, an dem Ich, das ich sein will. Sie machen, daß ich beginne, mein Leben von unterschiedlichen Standpunkten her zu betrachten. Daß ich mich frage, ob ich mir manchen Wunsch jemals werde erfüllen können. Ob mir manche Dinge wohl immer vorenthalten bleiben werden, und falls ja, ob das wohl nur daran liegt, daß ich glaube, manche Art von Erfüllung nicht verdient zu haben.

Ich denke über die Musik nach. Ich habe ein sehr interessantes Interview mit einem Popmusiktheoretiker gehört, der sinngemäß sagte, in der U-Musik sind es nie die talentiertesten oder überhaupt talentierten Leute, die Erfolg haben, sondern solche, die mit ihrer Stimme und besonders deren Fehlerhaftigkeit ihre Persönlichkeit transportieren. Das habe ich nie so gesehen - ich dachte immer, ich müsse noch viel mehr leisten, noch viel mehr Gesangsstunden nehmen, noch viel länger Songwriting betreiben, um mich mal so halbwegs nach oben zu schuften. Aber was mir tatsächlich fehlt, ist gar nicht das Talent, sondern der Mut, mich so zu zeigen wie ich bin und meine ganz persönliche Art der Imperfektion auszuleben. Ich bin nicht einmal auf die Idee gekommen, an mir könnte schon alles richtig genug sein. Ich habe beim ersten Aufnehmen meiner Lieder an Stimmtechnik gedacht - kein Wunder, daß ich mit den Aufnahmen nur halb zufrieden bin. Scheiß auf die Technik. Was ich tatsächlich machen muß, ist, mich auf mich selbst einzulassen, mich dem Lied im Moment hinzugeben, egal, wer zuhört. Das gelingt mir manchmal in Konzerten, aber das ist wie nackt ausziehen - eine sehr, sehr intime Sache und man braucht verdammt viel Selbstbewußtsein, um es durchzuziehen.

Ich denke über Liebe nach. Ich bin nie geliebt worden (uh, ich weiß, das klingt total pathetisch, ist gar nicht so gemeint), außer von meiner Familie und wenigen guten Freundinnen. Diese Liebe will ich natürlich nicht abwerten; wenige Menschen haben ein so großes Glück wie ich: echte, felsenfeste Freundschaften, ein wunderbares Verhältnis zu den Eltern und mindestens einem Geschwister. Dafür bin ich täglich dankbar.
Doch romantische Liebe kenne ich nicht. Ich hatte wenige Beziehungen und alle beruhten darauf, daß ich - manchmal regelrecht verzweifelt - gebraucht wurde (in jedem Sinne des Wortes), doch nie geliebt. Nicht einer der beteiligten Partner war stolz darauf, zu mir zu gehören; zwei haben mich in der Öffentlichkeit regelrecht verleugnet. Nicht einer hat mich je mit einem Lächeln begrüßt, wenn er oder ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause kamen. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie ausgegangen - ich hatte nicht ein einziges Date. Ich war niemals tanzen, ins Kino eingeladen oder irgendwas dergleichen; ich habe nie aus romantischen Gründen Blumen bekommen, selbst mein Heiratsantrag lautete "Eigentlich können wir genausogut heiraten". Und ich stelle fest: So gerne ich auch alleine lebe und so gut ich damit zurechtkomme (und ich bin wirklich glücklich und fühle mich nicht einsam oder so), einmal möchte ich doch diese Erfahrung machen. Liebe. Einen Menschen, den es ebenso glücklich macht, zu mir gehören zu dürfen, wie umgekehrt. Ein großes, tiefes Gefühl von Ja.

Ich denke auch über Geld nach. Ich habe drei Jobs, alle haben etwas mit Musik zu tun. So weit, so gut - das ist ja wirklich prima. Doch nur zwei dieser Jobs sind bezahlt, und beide nur mit einem ziemlich niedrigen Honorar. Was bedeutet, wenn beide Firmen im Sommer schließen, muß ich 2 Monate ohne Geld auskommen, was wiederum bedeutet, ich spare mir jetzt die Miete von dann zusammen. Ich fehle möglichst nie irgendwo. Ich packe mir meine Wochen mit Terminen so voll wie möglich, weil die Taggedanken zuschlagen.

Eigentlich würde ich viel lieber viel mehr frei haben, denn ich habe schon über ein Jahr kein Stück mehr fertig geschrieben und ich merke, wie mich das mit einer großen Sehnsucht füllt und mich oft traurig, frustriert und wütend werden läßt. Doch bei meinem derzeitigen Arbeitspensum ist an Kreativität nicht zu denken. Das ist geradezu zynisch und ich habe keine Ahnung, wie ich das Problem lösen soll. Wenn ich weniger Schüler hätte, könnte ich mehr eigene Dinge tun, doch das wird mir natürlich erstmal nicht bezahlt. Wovon also leben? Toll wäre es, so zu leben wie Brahms: Im Winter unterrichten, im Sommer 6-8 Monate irgendwo auf dem Land, wo einen die Leute halbwegs in Ruhe lassen, komponieren. Aber im Gegensatz zu mir hatte Brahms einen Verlag, der ihm das bezahlt hat. Verdammte Axt.

Ich denke darüber nach, mir einen der verrückten Träume zu erfüllen, die ich schon mein halbes Leben träume, oder wenigstens ein paar kleine, erreichbare.
Den Motorradschein machen. Oder wenigstens eine alte Schwalbe kaufen und durch's Land tuckern, die darf man ja auch mit dem normalen Führerschein fahren.
Fliegen. Oder anders fliegen.
Alles hinschmeißen und irgendwohin auswandern. Neuseeland, Australien, Kanada, Finnland. Oder im Ruhrgebiet als Hilfskraft in einem kleinen Bücherladen arbeiten und die Wochenenden für meine Lieder freihabe.
Mich auf den Alex stellen und so lange immer und immer wieder eins meiner Lieder singen, bis jemand Erbarmen hat und mir einen Plattenvertrag gibt. Haha.
Ein Projekt mit Mumford & Sons singen. Eins mit Sting. Eins mit The Little Willies. Eins mit Jane Lui, dieser begnadeten Ausnahmeerscheinung.
Nur noch Leute unterrichten, die ich mir aussuchen kann.
Das Buch schreiben, das ich schon ewig im Kopf habe.
Das Brahms-Gesamtwerk einspielen.
Im Kölner Dom das Brahms Requiem dirigieren. Und direkt im Anschluß in einer kleinen Kneipe Jazzstandards singen.
Einen richtig guten Chor leiten. Nicht, daß meiner nicht gut wäre - im Gegenteil, für die kurze Zeit, die er existiert, ist er großartig. Aber irgendwann mal möchte ich keine Töne mehr proben. Nicht einen einzigen. Ich möchte Leute, die Blattsingen können und von Anfang an nur noch an den Interpretationen arbeiten. Ich möchte die vielen fantastischen zeitgenössischen Chorwerke aufführen, die man so selten hört. Ich möchte die barocken und romantischen Schätze schön interpretieren, ohne die eingeschleiften Dorfchordummheiten. Ich möchte jedem einzelnen im Chor ein Solo zuwerfen können, ohne zittern zu müssen, ob er oder sie das auch packt.
Ich möchte mit meiner Musik Menschen berühren, mit jeder Art Musik, die ich mache. Ich möchte sie bewegen. Ich glaube, jeder Mensch kann im Optimalfall nur versuchen, jeden Tag ein etwas besserer Mensch zu sein als gestern, und ich glaube auch, Musik ist eines dieser Dinge, die uns sanft aber beharrlich in die richtige Richtung ziehen können.

Was hält Dich ab?, fragen die Nachtgedanken. Angst, ist die ehrliche Antwort. Ich habe Angst, alles zu verlieren, wenn ich nicht mehr systemkonform funktioniere. Und mit "alles" meine ich meine derzeitige Lebensgrundlage, so anstrengend sie auch bisweilen sein mag. Dennoch bietet sie mir ein Leben. Hmm, machen die Nachtgedanken. Was ist Leben? Ist es ein Überleben? Was macht Dich lebendig? Es ist die Musik, sage ich. Die Musik in allem. Ist es Deine Musik? fragen sie. Nun, manchmal… sage ich kleinlaut.

Manchmal ist mir nicht genug. Etwas sehr Wesentliches stimmt noch nicht. Etwas fehlt. Anderes ist zu viel. Aber ich weiß nicht, wie ich es ändern kann.


Kommentare:

athena hat gesagt…

Die egoistische Freundin in mir ruft ganz laut "ich bin für die Idee mit dem Bücherladen und der Songschreiberei im Ruhrgebiet...". Die wahre Freundin in mir sagt einfach nur: Ich kenne Deine Gedanken, beide Arten von ihnen besuchen mich auch. Und sie verhalten sich genau wie Deine. Ich lerne jeden Tag etwas besser, die Tagesgedanken nur dann zuzulassen, wenn ich mich um etwas kümmern muss. Solange ich nichts ändern kann, schalte ich sie regelrecht ab. Aber ich weiß - egal was Du jetzt denkst - dass Du Deinen Traum noch leben wirst. Du bist großartig, Deine Stimme ist, Deine Musik... Und ich hab Dich wahnsinnig lieb <3

Anonym hat gesagt…

Bücherladenaushilfe ist systemkonformer als das was DU derzeit machst. Nur weil Du es nicht anders kennst wird es nicht weniger außergewöhnlich.

athena hat gesagt…

Und was möchtest Du damit sagen - lieber oder liebe "Anonym"...?

Hummel hat gesagt…

Daß ich bereits Außergewöhnliches tue und es nur nicht mehr bemerke, weil es für mich eben Alltag ist. Und daß mich ein 9 to 5 Job letztlich nicht glücklicher, womöglich noch unglücklicher machen würde. Und ich weiß das ja auch, ich denke halt nur so vor mich hin. Aber Recht hast Du natürlich.

Ich hab Dich auch wahnsinnig lieb, Athenchen. =) Vielleicht treffen wir uns irgendwo in der Mitte. Du machst einen Bücher-und-CD-Laden auf? :D Und ich mach da immer mal unplugged Konzerte?

athena hat gesagt…

Oh, dafür muß ich vorher glaub ich noch viele Kabelbinder verkaufen :D
Ein Bücherladen mit Hexenkram in Kombination (Tees, Kartenlegen, Kräuter usw.) war immer MEIN großer Traum. Falls es also jemals soweit sein sollte wirst Du es sofort erfahren! :-*

Und pardon, ich habe den Kommi anscheinend falsch interpretiert und mich bzw. eigentlich Dich angegriffen gefühlt *rot anlauf*, sorry 3;-)

Silberweide hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Hummel hat gesagt…

Ich mag das, wie Du für mich auf die Barrikaden gehst, ohne links und rechts zu schauen, Athena. Aber Anonym meint es immer gut mit mir. ;-)

Liebe Silberweide, Du bekommst gleich eine Mail.

Rowan hat gesagt…

Die Taggedanken sind oft so laut, dass sie den Nachtgedanken gar keine Chance mehr lassen, das zu würdigen, was wir bereits geschafft haben, was wir tun und was wir können.
Aber das ändert grade nichts daran, dass Du komponieren willst und dir die Zeit/Kraft dazu grade fehlt. Ich wünsche Dir ganz ganz feste, dass Du Deine Träume, Deine größten und sehnlichsten Träume, erfüllst.
Ich weiß, Du könntest es.

Da ist der Buchladen eigentlich der Ausreißer in den Träumen. ^^ (Und warum um alles in der Welt ihm bah bah Ruhrgebiet? ^^ Jetzt brät mir "Anonym" sicher eines drüber dafür.)

Hummel hat gesagt…

Ach so ein Hauch von Industrialismus ist doch auch mal sehr reizvoll. ;-) Nein, ich wäre einfach gerne näher an Euch dran. Aber Ich will nicht wirklich hier weg, dafür liebe ich mein Ensemble viel zu sehr.
Danke für Deine guten Wünsche.

Kivi hat gesagt…

Ich kenne sie auch, die Tag- und Nachtgedanken... Auch ich habe Angst meine Grundlage zu verlieren, wenn ich das mache, was ich eigentlich möchte. Und oft sind die Taggedanken einfach zu laut.
Aber wenn die Nachtgedanken da sind, dann genieße ich sie und lasse sie fließen. Nachts erscheint mir alles oft so viel einfacher. Bis dann die Taggedanken wieder einfallen...

Ich wünsche uns Beiden daß wir es irgendwann einmal schaffen. DIe Taggedanken zum schweigen bringen. Unseren Weg gehen können ohne unterzugehen.

Alles Liebe,

Kivi