Samstag, 25. Januar 2014

Dunkelheit

Es gibt so viele größere Themen, die mir derzeit durch den Kopf kreisen, daß ich erstmal mit einem verhältnismäßig kleinen beginne - für das nächste ist mein Kopf selbst noch nicht klar genug. =)

Also heute: Dunkelheit. Etwas, das ich schon immer mochte - samtene Schwärze, ausgeschalteten Alltag. Die Welt hält ja nachts nicht die Luft an; sie dreht und bewegt sich weiter, und die Menschen sind alle da und tun Dinge. Es sind nur andere Dinge, und sie geschehen vielleicht mit einer anderen Aufmerksamkeit. Als Studentin habe ich oft nachts an meinen Studiensachen gearbeitet, wenn tagsüber die Zeit dafür nicht mehr blieb (Doppelstudium) und bin dann manchmal gegen 3, 4 Uhr früh noch einmal vor die Tür, um eine Runde spazierenzugehen oder einen späten Espresso zu trinken. Das ist eine magische Zeit. Ich würde zu gerne mal erleben, daß für eine Woche oder so alle Menschen tagsüber schlafen und nachts ihrem "Tag"werk nachgehen - vermutlich deutlich leiser, langsamer, achtsamer, denn man sieht ja nicht so viel und muß schon allein deshalb alles mit mehr Umsicht handhaben.

Ein Kind in der Musikschule lernt bei mir gerade das Lied Au claire de la lune, in dessen Text jemand seinen Freund Pierrot darum bittet, ihm ein Licht zu leihen. "Es erlosch die Kerze, auch das Feuer mir | bei der Liebe Gottes, öffne mir die Tür" heißt es da im Klavierbuch. (Da der Rest des Liedes eher amourösen Inhalts ist, wurde er in dieser Kinderklavierschule nicht abgedruckt. ^^)

Die Melodie kennt Ihr bestimmt (leider habe ich nur doofe Kinder-CD-Aufnahmen gefunden; das sollte auch mal richtig schön mit Renaissance-Instrumenten aufgenommen werden):



Beim Nachhausegehen fiel mir wieder mein Besuch im letzten Oktober ein, der bei seiner Ankunft hier ganz erstaunt sagte: "Man sieht ja wirklich viel mehr Sterne!" und ich fragte mich, wie viele Menschen wohl heute noch wirkliche Dunkelheit kennen. Wenn wir auf Kerze und Feuer angewiesen sind, weil es kein elektrisches Licht gibt, und wenn uns dann beides erlischt und es dunkel, wirklich dunkel wird - wie ist das eigentlich? Und was tut das mit uns?

Ich erinnere mich an etliche Stromausfälle in meiner Kindheit, die ich immer als angenehm aufregend empfunden habe, wenn meine Eltern die Kerzen herausgekramt haben und das Haus in diesem gemütlichen Licht glühte. Ich bin in einer Straße ohne Straßenlaternen aufgewachsen. Ich habe im Sommer gerne im Garten in einem Zelt geschlafen und dort natürlich auch kein Licht gehabt.
Unter diesen Umständen hört man völlig anders: Den Dackel, der vor dem Schlafengehen noch einen letzten Streifzug um die Obstbäume macht, die Igel, die durcheinandergrunzen, leises Insektengezirpe und -gebrumme, das Rascheln der Bäume im Wind, den eigenen Atem. Und man denkt auch anders, finde ich, denn es macht für mich schon einen Unterschied, ob ein Gedanke durch einen visuellen Reiz entsteht oder aus sich selbst heraus.

Warum schließen wir oft die Augen, wenn wir Musik hören, der wir uns ganz hingeben wollen? Weil wir innerlicher werden wollen, weil wir nicht abgelenkt sein wollen, weil unser Empfinden ohne Sicht interessanterweise intensiviert wird, sowohl das rein emotionale als auch das physische Empfinden. Stellt Euch nur mal vor, Ihr würdet unverhofft am Arm berührt werden - einmal am hellichten Tag, einmal in tiefer Nacht. Was würde das auslösen? Oder stellt Euch vor, Ihr würdet am Tag durch die Kölner Innenstadt bummeln und einen musikalischen Flashmob des dortigen Sinfonieorchesters erleben - und dasselbe würde mitten in einer Sommernacht, bei ausgeschalteter Straßen- und Schaufensterbeleuchtung stattfinden. Von nichts beleuchtet finge irgendwo eine Melodie an, sich in die Nacht zu weben, würde unsichtbar wie ein schwarzer Seidenschal an Eurem Ohr vorbeiwehen, sich vervielfältigen, verdichten, auffächern, doch nie könnte man sagen "guck mal, da steht die Flöte". Was würde Euch stärker beeindrucken?

Die Töne sind ein wunderbarer, lebender Atem der Dunkelheit. - Clemens Brentano

Und dann ist da noch die unausgesprochene, metaphysische, abergläubische, verleugnete Seite der Dunkelheit: Die Angst, der Tod, das Abgründige.
Eines der besten Lieder, die über Angst meiner Meinung nach geschrieben wurden, ist dieses hier:



When I allow it to be
It has no control over me
I own my fear
So it doesn't own me.
-
Wenn ich sie sein lasse
Hat sie keine Kontrolle über mich
Ich besitze meine Angst
so daß sie mich nicht besitzt.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die man wohl im Leben erreichen kann: Ängsten kan man tatsächlich nicht weglaufen. Niemals und unter keinen Umständen. Man muß sie zulassen, anerkennen, ihnen eine Hand reichen sogar, und nur dann wird man nicht von ihnen kontrolliert.

Ein Teilbereich der Angst ist das Sich-Verlorenfühlen. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden und sich selbst nicht mehr wahrzunehmen, herumzuirren, unverhofften (unvorherge-sehen-en) Einflüssen hilflos ausgeliefert zu sein. Oder dem eigenen Kopf nicht mehr entkommen zu können: wer einmal echte Depressionen erlebt hat, weiß, wie das ist, wenn es kein Licht gibt, egal wie hell und heiß der Sommer draußen brennt.

Nimm meine Augen und mein ganzes Herz in Deine Hände singen Mumford & Sons hier, und später: Mein Herz war angeschlagen, ich kannte meine Schwäche, nimm meine Hand und überlaß mich nicht der Dunkelheit.


Ja, manchmal braucht man so eine Hand. Und dennoch, ich glaube, daß ein Weg einfach nur weg von der Dunkelheit und ins Licht nicht gesund ist. Wir müssen uns, gerne während wir uns an der hilfreichen Hand festklammern, einmal umdrehen und unserer inneren Schwärze begegnen, sie anblicken. Denn nur, was wir verstehen, ist uns klar und verliert seinen Schrecken.

Von diesem Mann gibt es ein Zitat, das in etwa besagt, Erleuchtung ist die absolute Abwesenheit von Dunkelheit, reine Glücksseligkeit und vollkommene Übereinstimmung mit den Naturgesetzen. Und dem kann ich, so sehr ich jedem Menschen größtmögliche Erleuchtung und Glücksseligkeit wirklich und von Herzen gönne, nicht zustimmen. Ich kenne kein Naturgesetz, das ohne Dunkelheit funktioniert, nicht einmal Sauerstoff hätten wir, gäbe es keine Nacht.

Die Mythologie bzw. der Götterglaube anderer Kulturen stellt auch stets den Sonnengöttern nächtliche Brüder oder Schwestern zur Seite. In der indischen und iranischen Kultur ist das zum Beispiel Varuna ("der Allumfassende"), der neben dem Sonnengott Mitra / Mithra steht, selbst ein Gott der Nacht und des Mondes, der Wasser und des Regens sowie der Wahrheit. Und ein Herr der Toten, wo wiederum der Bogen zu einer unserer Urängste geschlagen wird.

Schließen wir unbewußt und doch absichtlich die Dunkelheit aus?
Machen wir deshalb nachts so viel Licht, weil wir ihr nicht begegnen wollen?
Ist es womöglich im Umkehrschluß so, daß wir systematisch verlernen, uns im Dunkeln zurechtzufinden, uns unseren Ängsten zu stellen, die verborgenen, tabuisierten Seiten unseres Charakters anzuerkennen?
Haben wir Angst, ohne visuelle Reize unseren unstoppbaren Gedanken ausgeliefert zu sein? Verlernen wir das Denken, das kontrollierte, nicht von außen beeinflußte Denken und Fühlen?



Ich will Licht und Dunkelheit hier nicht einander gegenüberstellen. Ich halte sie nicht nur für Gegensätze, sondern eben auch für Brüder, wie Mithra und Varuna, und für voneinander abhängig und nur miteinander funktionabel. Ich liebe das Licht, den strahlend hellen Wintertag, der gerade heute meine Wohnung erleuchtet, das Gefühl von Sonne auf meiner Haut. Aber Licht und Dunkel als Gut und Böse zu übersetzen und feindlich-gegenpolig anzuordnen halte ich für falsch und sogar im Sinne einer gewissen Psychohygiene für gefährlich.

Was ist Eure Meinung?

Kommentare:

athena hat gesagt…

Ich gebe Dir Recht. Punkt.
Zwar funktioniert für mich das Bild von Schatten, Schwärze und Dunkelheit sehr gut als Darstellung von schlechten Zeiten, inneren Dämonen ect.
Aber ohne geht es nicht.
Und manchmal brauche ich die Dunkelheit, den Nebel, die Nacht, die Schwärze. Die dämpfende Stille, die sie mit sich bringen. Weil dennoch immer auch ein Licht da ist - und umgekehrt.
An manchen Tagen macht die Nacht mir auch Angst und fördert meine schlimmsten Gedanken zutage.
So oder so brauchen wir beides: Licht und Schatten oder eben Dunkelheit.
Toller Artikel! <3

Hummel hat gesagt…

Dankeschön. *umärmel*