Dienstag, 19. November 2013

Gedichte | Gedanken über das Kreativsein

Manchmal erstaune ich mich selbst. Gerade habe ich Gedichte aus den letzten drei Jahren gefunden - speziell 2010 und 2011 habe ich, bedingt vermutlich durch damals miserable äußere Umstände, etliche geschrieben. Und jetzt lese ich das und denke: Erstaunlich, daß ich Worte für dieses Gefühl gefunden habe. Nicht nur erstaunlich, daß ich überhaupt Worte gefunden habe, sondern auch, daß es eben Worte waren und keine Melodien.

Aber wenn ich so zurückdenke, war es eigentlich immer so, daß ich ab einem gewissen Maß negativer Emotion einfach nicht mehr musizieren konnte. Singen und spielen geht einfach nicht, wenn ich wirklich zornig oder verzweifelt bin, nicht nur sauer oder traurig, sondern wirklich, wirklich jenseits von gut und böse. Als würe etwas in mir diese beiden Dinge nicht zusammenkommen lassen wollen, die Musik und den Hass / die Panik / die mehr oder weniger latente Entgrenzungssehnsucht, was immer es gerade ist. Als wäre die Musik ein Gegengewicht - und beide Gewichte können nunmal nicht oben sein.

Als Kind und Teenager habe ich immer gemalt, wenn ich mit meinem Kummer nicht mehr wußte, wohin. Zwei üble Jahre in der Schule ergaben viele, viele Tuschebilder (die ich, weil ich ich bin, gleich nach dem Trocknen weggeworfen habe - das einzige überlebende hängt noch im Arbeitszimmer meiner Mutter). Ich habe damals auch Gedichte geschrieben, das eine oder andere Lied, Geschichten. Und all das als junge Erwachsene abgebrochen; ich konnte mich jahrelang nicht einmal erinnern, daß ich das je getan habe - bis ich alte Tagebücher von mir fand. Alte Bilder. Eine flüchtige Bleistiftskizze, die eine zerbrechliche 18jährige zeigt, die sich in ihrer Einsamkeit an eine Bordsteinkante kuschelt, als wäre diese ein Freund.

Neulich fragte mich ein Freund, ob Glücklichsein eigentlich meiner Kreativität schaden würde. Ich sagte spontan nein und habe seither darüber nachgedacht. Die Antwort ist immer noch nein - jetzt aus den oben genannten Gründen. Nein, ein Künstler wird nicht kreativer und schaffenskräftiger, wenn es ihm dreckig geht - es geht ihm einfach nur dreckiger.

Nach meinem Konzert im September fragte mich eine Frau aus dem Publikum, ob man bestimmte Dinge erlebt haben müsse, um darüber singen zu können, und in diesem Fall ist die Antwort Ja. Ja, ich hätte viele dieser Lieder nicht geschrieben, wenn ich eine andere Vergangenheit hätte. Aber der Punkt ist: Ich habe diese Lieder erst jetzt geschrieben, in den letzten drei Jahren, in denen es mir endlich wieder verhältnismäßig gut ging.
Damals, als ich richtig am Ende war, habe ich nicht einmal daran gedacht. Ich habe gar nichts geschrieben, gedichtet, komponiert, ich war in keiner Weise kreativ, und das, obwohl ich Musik studiert habe - denn mir ging es einfach nur dreckig. Ein kreativer, also schöpferischer Geist braucht einen gesunden Nährboden. Wenn er sich dann auch noch an die furchtbare Dürreperiode vor 10 Jahren erinnert, wird da vielleicht ein ergreifendes Kunstwerk draus, aber während der schlimmsten Dürre ist ein Künstler so wie jeder andere Mensch in erster Linie mit Überleben beschäftigt.

Aber am Ende, ungeachtet jeder momentanen Gefühlslage, halte ich vor allem dies für wahr: Wir machen die Dinge am besten, die wir mit Hingabe tun.


Die zwei Seiten des Deckels

Manchmal
ist es eine solch immense Kraftanstrengung,
den maskenhaften Deckel meiner Miene
geschlossen zu halten,
dass sich ein jeder Muskel meines Körpers mitverkrampft.

Manchmal
will diese wilde, wütende Frau da unten
von der ich weiß

ihr steht das nicht zu
sie wird dem nicht gerecht
sie hat bescheiden zu bleiben
sie könnte das sowieso nie richtig
sie will sich doch wieder nur in den Vordergrund spielen
sie hat noch nie was zu Ende gebracht
sie hat doch keine Ahnung und kein Ziel
sie träumt doch nur
sie macht es sich doch immer leicht
sie wird doch auch nicht mehr erwachsen

raus, mit aller Macht.
Und wir ringen miteinander,
hassen uns genau wie wir uns lieben,
brüllen gleichlaut uns entgegen, dass es so nicht geht,
fallen schluchzend vor Verzweiflung dann
einander in den Arm.

Manchmal
sehen wir uns durch ein Guckloch an
und fragen uns, wie es wohl auf der andern Seite
dieses Maskendeckels wäre.
Dann senken wir verwirrt den Blick,
ich gehe abwaschen, und sie schreibt ein Lied.

Kommentare:

Ashmodiel hat gesagt…

Ich liebe Dein Gedicht!
Manchmal finde ich, wir sollten zu ein paar Leuten einen gemeinsamen Gedichtband herausgeben. Wenn die Leute nur Gedichte lesen würden.

Ich glaube auch nicht, dass es einem dreckig gehen muss, um etwas zu schaffen. Die ganzen Jahre, in denen ich nicht gemalt habe, waren hauptsächlich die, in denen ich mich eingeengt und bedrängt gefühlt hatte. ich habe wieder angefangen zu malen, als ich auch anfing, meine Flügel wieder auszubreiten.
Und das Ausbreiten eben ohne Rücksicht auf Verluste. (Flügelige Kinnhaken und Schubser inklusive.)

Jetzt hilft mir das Malen oft über ein Tief hinweg, aber das ist nicht zu vergleichen mit einem Dreckiggehen.

Hummel hat gesagt…

Ja, genau - ein Tief ist etwas, das man mit Kunst durchtauchen kann. Aber dieses romantisierte Bild einer hungernden, frierenden Bohème und der Rückschluß, Künstler bräuchten ja ein gewisses Maß Elend, um sich richtig ins Zeug zu legen… ja danke. ^^

Gedichtband habe ich auch schön öfter drüber nachgedacht, aber wie Du schon sagst - wer liest noch Gedichte? Und wer von denen, die sowas noch lesen, kauft sich die als Buch? Ich meine, wann hast Du das das letzte mal getan? Oder ich? Das ist Jahre her.

Mal gucken, vielleicht pack ich immer mal eins hier rein oder in den Podcast.

Feona Malea hat gesagt…

Als er mir richtig dreckig ging - so gaaaanz mies - da ging auch gar nichts. Mittlerweile ist so ein gewißer Pegel Standard ... und wenn ein Loch kommt - dann hilft mir mein Malen auch oft daraus. Wenn das Loch zu tief ist - geht nichts, dann ist Sendepause.

Ob das nun das Malen betrifft, meine Gedichte, das Schreiben ... oder auch die Energiearbeit. Es geht dann halt einfach nicht.

Silberweide hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Silberweide hat gesagt…

Da ist aber ganz viel Hingabe drin, so schön und tief aus dem Herzen!
Nächtliche Grüßle♥

athena hat gesagt…

<3 Ohne mehr zu sagen...
Weißt Du, ich werde auch seit diesem Jahr immer kreativer =) Schreiben kann ich auch gut unter negativen Emotionen, wenn nicht gar gerade dann.
Aber Dinge basteln oder mischen oder so, das kommt alles jetzt erst raus und WILL vor allem...
Das Gedicht endet rührend.
Deine Geschichte aber glücklich <3

Hummel hat gesagt…

Oh ja - und was raus WILL, das wird auch eigentlich immer etwas Schönes, etwas, das funktioniert.
Du hast aber viel Vertrauen in meine Geschichte. =)

athena hat gesagt…

Zum Einen das - und zum Anderen weiß ich es... ;-*