Freitag, 2. August 2013

Momentaufnahme und Freitagsfüller

Heute Vormittag beim Neurologen. Auf diesen Termin habe ich ein halbes Jahr gewartet. Da saßen wir alle, überwiegend ältere Leute, aber auch einige junge Männer, von der brütenden Hitze praktisch außer Gefecht gesetzt im hoffnungslos überfüllten Wartezimmer.
Alle starren stumm vor sich hin. Kleine Highlights sind hilflose Leute mit Rollator oder Blinde in Rollstühlen, die vergeblich versuchen, die Ausgangstür zu benutzen, die sehr schwer zu öffnen ist - dann starren alle nicht mehr auf den Boden, sondern auf die Tür. Die einzige, die sich (wohlgemerkt in Anwesenheit dreier junger, muskulöser Männer im Wartezimmer und mehrerer junger Mitarbeiterinnen im Anmeldezimmer) immer wieder bemüßigt fühlt, den Leuten die Demütigung eines Scheiterns an einer simplen Tür zu ersparen, bin ich.
Irgendwann fällt mein Blick auf eine Broschüre: "Gemeinsam mehr erreichen". Desinteressiert, aber kurz vor dem intellektuellen Totalausfall greife ich danach und erwarte Werbung für den städtischen Sportverein. Es kommt jedoch eine Information über den Umgang mit Schizophrenie. Man soll Verständnis haben.
Nach einer halben Stunde gibt es weniger Stühle als Leute. Ich stehe auf und stelle mich zwischen die beiden Räume - ich ertrage zuviel Nähe schon bei kühleren Temperaturen nur schlecht, und niemand sonst wollte offenbar dem humpelnden Ehepaar mit identischen Gehstöcken einen Platz freimachen.
Nach 45 Minuten gebe ich meine heroische Haltung auf und rutsche an der Wand zu Boden. Lieber hocken als kollabieren, denke ich mir, denn mir ist schwindlig, und ich stehe nur noch auf, wenn die Gruppe zur Tür starrt.
Nach einer Stunde wird die Frau direkt neben der Tür aufgerufen und es fehlen keine Plätze mehr. Ich setze mich. Aufgrund dieser Position bin ich so ziemlich die Einzige, die die Gespräche draußen hören kann.
Ein alter Mann kommt herein. Er hat keinen Termin und jammert, daß er aber nicht bis Nachmittags warten möchte. "Och, so lange dauert das doch nicht", sagt die Sprechstundenhilfe, deutet auf mich und ergänzt fröhlich: "Sonst fällt uns schon etwas ein, Sie zu beschäftigen. Sehen Sie, die junge Frau da hält dauernd Leuten die Tür auf."
Ich hebe zwei schweißbedeckte Augenbrauen und brumme: "Irgendwie muß ich mir ja die Zeit vertreiben." Im Moment, da ich meine Stimme höre, wird mir klar, daß niemand in diesem Wartezimmer gehört hat, worauf ich gerade reagiert habe. Alle starren mich an.
"Ich bin nicht schizophren", will ich sagen, "Und selbst wenn, haben Sie bitte Verständnis!"
Doch ich schweige und starre zu Boden. Alle anderen tun es mir gleich.

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Freitagsfüller.

1. Endlich habe ich meine Angst vor einer bestimmten Sache verloren und genieße das Jetzt.

2. Niemand beschränkt sich in Arbeitssitzungen jemals auf die wichtigsten Fakten. Stattdessen wird in alle Richtungen persönlich angegriffen, tatsächliche und angebliche Schuld an diversen Zuständen von A nach B nach Z geschoben und am Ende sieht sich wieder niemand in der Pflicht, etwas zu verändern. (Und dann wird man vom Chef angerufen, der sich dafür bedankt, daß man den einzig konstruktiven Diskussionsbeitrag in einem fünfstündigen Gespräch mit Land- und Kreistagsabgeordneten geleistet hätte. So als jüngstes und neuestes Mitglied der Firma sind das irgendwie erschreckende Aussichten.)

3. Die nächste Reise geht nach Schottland. Wann und wie auch immer.

4. Guter Instrumentalunterricht ist jeden Cent wert, laßt Euch das gesagt sein, Ihr Eltern von Kindern, die in die Musikschulen geschubst werden!

5. Sieht so aus, als ob ich heute doch nicht mit dem Hund baden gehen kann. Der kippt mir ja tot um vorher. Ich bin nach dem erbaulichen Neurologen noch eine Stunde in der Stadt herumgefahren, aber niemand, echt niemand hat Hundebadewannen. Ich habe sogar nach Plastik-Unterbettkommoden gefragt in Möbelhäusern, aber die gibt es nur in Mopsgröße. Und bitte, wer will denn das. ^^

6. Wenn heute beim Hundesitten wieder blöde Pseudoargumente gegen veganes Essen kommen von Leuten, die 2x jährlich im Krankenhaus sind, sich vor Gelenkschmerzen und Übergewicht kaum noch bewegen können und mal ernsthaft erklärt haben, man müsse sich aufs Alter vorbereiten, dann gehe ich aufs Gästeklo, schließe die Tür und tue so, als müsse ich mich lautstark übergeben, oh ja! 
(Ich muß wieder den Hund festhalten, während Besuch kommt. ;-) Mache ich ausgesprochen gerne, und eigentlich wollte ich mit dem Hund sogar ganz weit weg, denn manche Verwandte sind… naja, reden wir nicht drüber.)

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf Grillen mit den Eltern und vielleicht noch ein spätes Stündchen Zocken / Chatten, morgen habe ich geplant, meinen Bruder zu besuchen und über Nacht zu bleiben, und Sonntag möchte ich den letzten freien Tag vor 2 wahnsinnig harten Monaten, die vor mir liegen, ausgiebig genießen.

Kommentare:

athena hat gesagt…

Es tut mir leid, ich kann nicht mehr *hicks* Dein Sarkasmus ist so wunderbar beißend und sprühend, sogar Meik liegt gleich unterm Tisch, hahahahaaaa!

Hummel hat gesagt…

Freut mich, Euch Lachen zu machen. ;-)

Flauschglitzerwelt hat gesagt…

Hihihiii echt gut!! :-D

Und Traurig....

Silberweide hat gesagt…

Ja Ja, das Leben kann schon gruselig sein, wie Flauschi schon sagt - fetter Lacher, der einem aber auch im Hals stecken bleiben könnte.....

Aber Du hättest immerhin eine Anwardschaft auf Job C -> Türen auf halten ☺

Hummel hat gesagt…

Hehe, Job E wäre das, liebe Silberweide. ^^ Ich schreibe nur immer von A und B, aber C un D sind schon vergeben. ^^
Ich versuche, Stumpfsinn weitestgehend mit Humor zu begegnen, denn anders würde ich vermutlich ein Tourettesyndrom entwickeln, aber manchmal frage ich mich schon, was die Leute um mich herum so für eine Kinderstube haben.