Montag, 9. März 2015

Onkel Walter freut sich

Mein Vater und ich sind die Musik zu einer Beerdigung. Zur Beerdigung meines Onkels, seines Schwagers. Dieser war 81 Jahre alt, seit langer, langer Zeit schwer krank, ursprünglich mal ein lebensfroher, aktiver Mann, aber in den letzten Jahren hinfällig und, teils als Nebenwirkung der Medikamente, teils wegen der physischen Beschwerden selbst, depressiv und seines Lebens müde. Es tut mir nicht Leid, daß er gestorben ist, denn er hatte es schwer mit seinem Körper, aber meine Tante tut mir sehr Leid, denn die beiden verbindet eine unendlich lange Geschichte - sie war 16 oder 17, als sie sich kennenlernten, die goldene Hochzeit liegt schon Jahre zurück, und da, stelle ich mir vor, ist man derartig zusammengewachsen, daß es sein muß, als würde einem das Herz amputiert. Aber gut, ich bin ein romantischer Mensch, sie dagegen ist sehr pragmatisch, vielleicht kann sie damit besser umgehen als ich es könnte, zumal sie viel besser als ich weiß, wie er sich zuletzt gequält hat.

Papa und ich fahren gemeinsam zum Friedhof, das Wetter ist kalt und der Boden noch feucht vom Regen in der Nacht davor, doch es ist schön und klar. Ein Freund hatte mir Neurexan gekauft und ich habe vorher eine Tablette genommen. Wir dürfen mit dem Auto durch die Friedhofs-Toreinfahrt und rollen langsam bis vor die kleine Kapelle. Fünf Leute stehen da schon, eine andere Tante und ein Onkel von mir sowie ein weiteres älteres Paar und ein einzelner Mann um die fünfzig, die ich nicht kenne. Wir steigen aus und gehen zu dem Grüppchen. Der einzelne Mann und mein Vater reichen sich erst die Hand, dann folgt eine ungeschickte Männerumarmung, die aus einem kurzen Zueinanderneigen mit Schulterklopfen besteht. Ich reche dem Mann distanziert die Hand und sage höflich "Guten Tag", was ihn mitten in der Bewegung zu einer ähnlichen Umarmung wie der für meinen Vater stoppt. Er sieht mich etwas unsicher an, doch ich begrüße schon die anderen. Als ich damit fertig bin, gehen mein Vater, der fremde Mann und ich zum Auto, entladen die tragbare kleine Orgel und bringen sie über eine kaum mannsbreite Wendeltreppe auf die winzige Empore der Kapelle. Der Mann verabschiedet sich und alleingelassen bauen wir die Orgel auf, einigen uns auf die Lautstärke zur Begleitung meiner Lieder und beschließen, ein Klo zu suchen.

Wir müssen dorthin durch die Kapelle gehen, in der fleißig aufgebaut wird. Als wir zurückkommen, begegnet uns dort der fremde Mann wieder und stellt uns der etwas zu fröhlich lächelnden Frau vom Bestattungsinstitut vor mit den Worten: "Mein Onkel - meine Cousine…"
Ups, denke ich.

Als wir zurück sind, kommt der Pfarrer kurz auf die Empore für die letzten Absprachen, dann beobachten wir schweigend den unten stattfindenden Aufbau. Ein Foto von meinem Onkel steht da, mit seiner getönten Brille und diesem schiefgezogenen Mund, von dem man nie weiß, ob er verschmitzt grinst oder entnervt verzogen ist. Unterhalb des Bilderständers sind Kränze von meiner Tante und seinen Söhnen, ich weiß nicht einmal mehr genau, wieviele Söhne es eigentlich waren, denn meine Familie ist riesig und die Cousins sind um die 20 Jahre älter als ich. An den Wänden stehen Kerzen, symmetrisch nach Größe sortiert, in Haltern, die es schaffen, gleichzeitig stilvoll und unaufdringlich zu sein, und in der Mitte neben dem Foto eine kitschig bemalte Vase mit Blumen. Bisher wurde der Sarg noch nicht gebracht oder er steht unter der Empore, außerhalb meines Sichtfeldes. Ich bin sehr dankbar dafür, denn ich habe nahe am Wasser gebaut. Auf die Stühle legt jemand Liedblätter, und zwar auf alle, obwohl mir das recht viel erscheint, denn ein großer Teil dieser riesigen Familie wohnt weit verstreut.

Meine Tante wird hereingeführt. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß und stützt sich auf den Arm eines furchtbar verhärmt aussehenden Mannes, der sich lange später als ihr ältester Sohn herausstellt. Beide setzen sich in die erste Reihe und ich entscheide mich spontan für zwei weitere Neurexan. Die anderen Trauergäste folgen, mein Vater spielt schon seit Minuten leise vor sich hin. Als der Pfarrer seinen Platz seitlich des Fotos und der Blumen einnimmt, beginne ich das erste Stück: das Ave Verum. Es folgen eine kurze Begrüßung, ein Gemeindelied, eine längere Predigt, aus der hervorgeht, daß mein Onkel offenbar sein Leben lang begeistertes Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr gewesen ist, was ich nicht wußte, ein weiteres Gemeindelied, ein zweites Lied von mir ("Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand"), die Aussegnung, das letzte Lied von mir ("Ruhe still") und es folgt die Musik zum Ausgang. Der ehemals fremde Mann, jetzt wiedergefundener Cousin, stellt sich in ritueller Festlichkeit vor die Gäste, nimmt die kitschige Blumenvase in die Hand und schluckt schwer. Erst jetzt wird mir klar, daß mein Onkel die ganze Zeit da vorne war. In der Urne. Jetzt laufen mir doch ein paar Tränen, und da ich nichts mehr zu tun habe, außer Papas Musik und den Auszug abzuwarten, grabble ich die Wasserflasche aus meiner Tasche und trinke, trinke bis ich vor Trinken und Schlucken nicht mehr weinen kann. Ich habe immerhin die ganze Trauerfeier durchgehalten und gesungen, für meine Tante, der ich eine Zeremonie zum Abschiednehmen ermöglichen wollte, wie sie sie haben wollte.

Wir packen das Orgelchen wieder ein und verladen es ins Auto, dann gehen wir dem langsamen Trauerzug hinterher, schummeln uns an 20 uniformierten Feuerwehrleuten und einigen entfernteren Verwandten vorbei bis zu meiner Mutter und meiner ältesten Schwester, die anstelle einer Begrüßung sagt "Ich hab Dir ne Rose besorgt" und mir selbige entgegenstreckt. Ich denke, daß sie es aus Liebe zu mir getan hat, und wieder tut es mir weh, daß wir uns nie sehen und sprechen können, weil sie ein Arschloch geheiratet hat, aber immerhin ist sie jetzt da und ich sehe, daß es ihr gut zu gehen scheint.

Wir stehen in 2 langen Reihen am Grab. Nach dem gemeinsamen Vaterunser werden Erde und Blumen auf die kleine Senke mit der Urne geworfen. Ich bin die letzte unserer kleinen Hummelfamilie, gehe vom Grab weg und an meiner Tante vorbei, die wegen ihrer schlechten Beine einen kleinen Stuhl bekommen hat. Sie nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr: "Danke, daß Du so schön gesungen hast. Ich glaube, Onkel Walter freut sich."
Und da läuft mir das Wasser in Bächen aus den Augen. Sie tut mir so Leid. Ich tue mir so Leid für den Moment, in dem ich meine Eltern verlieren werde. Menschen, die an nichts glauben als an eine physische Existenz ohne Sinn tun mir Leid für die Hoffnungslosigkeit, die in ihrem Leben die Basis bilden muß.
"Die Engel beschützen Dich" stand auf dem Kranz meiner Tante. Ich frage mich, ob ich vielleicht nicht die einzige in meiner Familie bin, die sich dessen sicher ist. Ob meine Tante wie ich mehr sieht, als sie ausspricht. Falls dem so sein sollte, hat sie auf jeden Fall eine Menge Trost von innen.


Kommentare:

smilehelper hat gesagt…

Du veröffentlichst HEUTE diesen Beitrag und ich hatte HEUTE folgenden Gedanken: Menschen, die glauben/ an etwas glauben haben es besser, können das (irdische) Leben besser ertragen, weil sie immer die Hoffnung haben, dass nach dem irdischen Leben noch etwas folgt. Auch wenn sie nicht genau wissen, was es ist oder sein wird, hoffen und denken sie doch meist, dass es etwas Besseres sein wird. Ich denke, dass man Schicksalsschläge und vor allem auch Verluste so besser bewältigen kann.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer dir dieser Auftritt gefallen ist und auch ich verdränge lieber den Gedanken an das Ableben meiner Eltern, das hoffentlich noch recht lange auf sich warten lässt.
Ich sende dir mein herzlichtes Beileid.

Hummel hat gesagt…

Danke Dir, Kleene. *umarm*

athena hat gesagt…

Oh Mein Gott, wie ergreifend... *schnief* Und dennoch wunderschön, Große <3 Du bist Deiner Familie eine große Stütze und ein Engel, allein durch Deinen Einsatz und Deinen Glauben an das Leben... und die Liebe *fühl Dich ganz doll umarmt*

Hummel hat gesagt…

Oh dankeschön. *zurückumarm* Es ist auch umgekehrt so: meine Familie ist mir eine große Stütze, insbesondere meine Eltern. Und gar nicht mal durch konkrete Handlungen (die auch), sondern einfach, weil sie so sind, wie sie sind.